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17th August 2009
1:32pm: MARKT UND MARKETING
Warum gutes Marketing eben nicht alles ist Marketing. Ein Schlagwort, um das man heutzutage nicht mehr herumkommt. Wir alle werden täglich von Marketing-Fachleuten ins Auge gefasst, vermessen und zu der einen oder der anderen Zielgruppe gerechnet – egal, ob wir das nun wollen oder nicht. Die Macher wollen heutzutage kein Risiko eingehen, sie wollen wissen, was ankommt, um nämlich machen zu können, was ankommt. Bisher sieht es auch so aus, als wenn das nicht nur ab jetzt ewig so weiterginge, sondern auch soweit perfektioniert werden könnte, dass man irgendwann den Erfolg eines neuen Produkts garantieren kann. So scheint es wenigstens. Wer will ihnen deswegen auch einen Vorwurf machen? Der Wettbewerb, der ja inzwischen in vielen Gebieten weltweit stattfindet, ist hart. Wer da ein Werkzeug zur Verfügung hat, das ihm eine größere Chance auf Erfolg bietet, nutzt das natürlich. Diesen Umstand an sich zu verteufeln macht keinen Sinn, es ist einfach die logische Konsequenz der Entwicklungen der letzten Jahre. Auf der anderen Seite hat uns auch das Marketing die größte Sintflut an niveaulosen Fernsehformaten gebracht, die das TV je gesehen hat. Pseudoseriöse Casting-Shows, die ihr Geld mit der kalkulierten seelischen Bloßstellung der Kandidaten verdienen, sind nur das aktuellste in einer langen Reihe von Formaten, die in das Horn der Provokation blasen. Die Frage ist natürlich, ob das Marketing als solches seinen unaufhaltsamen Siegeszug bis ins Jahr Dreitausend antritt oder ob irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Sobald ein Marktführer nämlich mal eine geniale Marketing-Strategie gefahren hat, wird sie von allen anderen Machern begierig aufgenommen und kopiert. Das vorübergehende Resultat: Man wird an immer mehr Stellen noch ausgeklügelter und hochdosierter mit Werbung konfrontiert, so dass man sich immer öfter nicht mal das beworbene Produkt merken kann. Das ist vielleicht ganz gut so. Man mag es den Experten zwar nicht wünschen, aber es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass es zu einem Zustand kommt, wo alle potenziellen Konsumenten nach Jahren des allgegenwärtigen Marketings so abgestumpft sind, dass irgendwann nichts mehr gezielt beworben werden kann. Die Frage, ob ein einzelner Werbespot tatsächlich dafür sorgt, dass das besagte Produkt öfter gekauft wird oder ob lediglich ein generelles „Kauft etwas! Egal was!“ in den Köpfen der Menschen übrig bleibt, ist ja auch schon von anderen gestellt worden. Letzten Endes bietet die Entwicklung aber auch mal wieder eine große Chance: Die Menschen können (und müssen) sich anhand all der angebotenen Dinge, die man angeblich unbedingt haben muss, einmal in Ruhe überlegen, was sie tatsächlich brauchen. Eine brauchbare Zeit wünscht Ihnen Sunshader.
9th August 2009
3:21pm: AUTOMATISCH
Das liebe Leid mit der Autogesellschaft Warum macht Autofahren oft keinen Spaß mehr? Ist es, weil wir heutzutage so unter Stress stehen, dass wir die Geduld fürs Fahren nicht mehr haben, oder ist der Grund vielmehr, dass man oft am Verstand der Mitmenschen zweifelt, wenn man den Wagen benutzt? Ich möchte das mal anhand einiger Beispiele deutlicher machen. Nehmen wir mal an, wir fahren mit einem großen Wagen auf einen Fußgänger zu, der irgendwo ohne Ampel die Straße überquert. Der Fußgänger blickt sich kurz um – sieht uns – und geht keinen Deut schneller weiter, als er vorher gegangen ist. Ich meine, ich finde es ja schön, dass er so viel Vertrauen in uns setzt, dass wir schon seinetwegen bremsen werden, wenn es nötig sein sollte. Man könnte aber auch in solchen Momenten denken, dass solchem Menschen an seinem Leben nicht mehr viel gelegen ist. Sonst würde er doch bei Anblick des herannahenden Wagens schneller werden. Ein immer wieder herziges Thema ist das generelle Verkehrsverhalten der Leute auf Autobahnen. Ich will jetzt gar nicht auf die alle Jahre wieder beschrieene Aggressivität auf der Autobahn hinaus, aber es gibt ja trotzdem Dinge, die mir in den letzten Jahren verstärkt auffallen. Zunächst mal fahren auf einer zweispurigen Autobahn zwei Drittel aller Autos grundsätzlich LINKS, auf der Überholspur. Die ist nur durch all die tempowilligen Mitstreiter so überfüllt, dass an schnelleres Fahren auf dem linken Fahrstreifen nicht nur nicht zu denken ist, sondern man muß auf der rechten Spur manchmal schon vom Gas gehen, um nicht unfreiwillig rechts überholt zu haben. Wenn man dann mal regelgerecht links überholt, gibt es bestimmt einen sportlichen Fahrer, der uns durch längeres dichtestes Auffahren signalisiert, dass wir ihn vorbeilassen sollen. Nur leider fahren wir schon so schnell, wie es erlaubt ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Fahrer des schnelleren Wagen meint, er hätte das Recht zu überholen, weil er ja im Gegensatz zu uns zweihundert Stundenkilometer fahren könnte, wenn es erlaubt wäre. Wenn wir dann seinen automobilen Annäherungsversuch lange genug höflich ignoriert haben, bis wenigstens unser Überholmanöver Sinn gehabt hat, und rechts reinziehen, damit Tarzan endlich mit seiner Liane an uns vorbeischwingen kann, bekommen wir von dem freundlichen Menschen noch eine gutgemeinte Lektion in Sachen Fahrverhalten. Er zieht nun vor uns rechts rein, setzt fast schon energisch den Blinker nach links und braust davon – wahrscheinlich in dem erhebenden Gefühl, einem unbedarften Menschen gezeigt zu haben, wie man sich richtig benimmt. Nicht dass er es wüsste. Dergleichen Beispiele gibt es viele. Aber letzten Endes ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis sich Political Correctness und Netiquette auch am Steuer breitmachen. Ruhige Verkehrsverhältnisse wünscht Ihnen Sunshader.
3rd August 2009
1:29pm: WERBUNG ÜBERALL
Über ein System ohne Zurückhaltung Werbung ist überall. Wohin wir auch schauen oder hören, werden wir mit Werbebotschaften überschüttet. Plakate, Litfaßsäulen, Busse, Bahnen, Treppenstufen – das multisensorische Orchester der „Kauf mich!“- Signale verstummt erst dann, wenn wir zu Hause die Wohnungstür hinter uns verschließen. Obwohl selbst in unserem Heim Fernseher, Radio und Computer nur darauf warten, die Berieselung unseres Gehirns mit Reklame fortzusetzen. Wobei es die Werbung vor allen Dingen schafft, unsere ohnehin schon große Hetze bis ins Denken hineinzutragen. Ein Produkt verweist auf das andere. Fastfoodketten werben für den neuen Kinofilm, Schauspieler tragen Jacken einer gewissen Firma, und wenn man im Kino dem endlosen Werbeblock gerade entkommen ist, lauert schon das Product Placement auf unsere unschuldigen Gehirne. Wobei ich tatsächlich glaube, dass die besten Werbespots nie gedreht werden, weil sie sich im Alltag ereignen. Wenn ein paar Menschen im Supermarkt oder anderswo erstaunt feststellen, wie sinnvoll ein bestimmtes Produkt oder wie schnell die Kassiererin ist. Reklame versinkt vor allem dann in den tiefsten Tiefen der Peinlichkeit, wenn sie versucht, genau diese Alltäglichkeit zu transportieren. Wahrscheinlich versuchen genau deswegen die meisten Werbeprofis ihr Glück im genau anderen Extrem. Schokoriegel verhelfen zu Superkräften, die längste Praline der Welt bringt das Herz der außerirdischen Prinzessin zum Schmelzen, es ist ja fast kein Wunder, dass so viele Menschen Schlafstörungen entwickeln. Beim Blick aus dem heimischen Fenster hat man meist noch Glück, wenn nicht gerade ein Werbezeppelin vorbeifliegt, und die sind Gottseidank selten. Auch wenn ich selbst schon Romane gelesen habe, die an spannenden Stellen von Suppenreklame unterbrochen werden, scheint das Buch noch eine der letzten paradiesischen Flecken im Werbedschungel zu sein. Zum Glück erdreisten sich nur noch wenige TV-Moderatoren, den obligatorischen Werbeblock „Verbraucherinformation“ zu nennen. Auf vielen Produkten findet sich schon lange die Internetadresse des Herstellers. Es hat zwar ein paar Jahre gedauert, aber mittlerweile hat man das Internet ja auch zu großen Teilen zu einer digitalen Litfaßsäule umgebaut. Eine der wenigen Segnungen des Produktinformationszeitalters besteht tatsächlich darin, dass man sich in der Regel an das einzelne Produkt vor lauter Werbespots nicht mehr erinnert. Selbst der einzelne Spot verwischt nicht selten die Erinnerung an das Beworbene durch die heutzutage nötige Überinszenierung. Während man sich noch freut, dass man den Namen des Waschmittels bereits vergessen hat, kingelt dann das Telefon. Wenn es das Festnetztelefon ist, ist der Anrufer wahrscheinlich bei einem Meinungsforschungsinstitut angestellt, wenn es das Mobiltelefon ist, meldet sich vielleicht der Mobilfunkbetreiber, der einem einen anderen Vertrag aufschwatzen will, in der Regel einen mit angeblich noch besseren Konditionen und mehr Grundgebühr. Bis sich eines Tages womöglich herausstellt, dass Firmen, die besonders aggressiv werben, von den Verbrauchern geschnitten werden, wird sich an der Situation wohl nichts ändern. Da der Hagel an Beschwerden scheinbar noch ausbleibt, werden wohl noch viele Ideen das Licht der Welt erblicken, die noch mehr letzte Flecken des öffentlichen Raumes mit „Verbraucherinformationen“ füllen. Dabei ist da gar nicht mehr so viel Platz übrig, könnte man meinen. Lautsprecher in Supermärkten preisen zehn Stunden am Tag die XY-Kundenkarte, sehr zur Freude der Angestellten. Monitore von Bankautomaten künden bis zu viermal von vermögenswirksamen Leistungen, obwohl man ja eh schon Kunde der Bank ist – bevor man sein Geld bekommt. Wenn überall Kaufbotschaften wuchern, ist man gut beraten, sich seinen Weg selbst zu suchen. Wenn man es nicht schon verlernt hat. Eine werbefreie Zeit wünscht Ihnen Sunshader.
27th July 2009
11:24pm: ZU FUSS LÄUFT VIELES BESSER
Warum wir mehr Kontrolle über unsere Zeit haben, wenn wir zu Fuß gehen Wann sind Sie das letzte Mal spazieren gegangen? Gehen Sie überhaupt noch spazieren? Oder haben Sie vor lauter Hektik für derart beschauliche Dinge ohnehin keine Zeit mehr? Man sollte sich doch darüber wundern, wie oft wir – vom Fahrrad aufwärts – in Geschwindigkeiten unterwegs sind, die wir zu Fuß nie und nimmer schaffen könnten. Ich habe mal gelesen, das menschliche Gehirn sei zwar sehr anpassungsfähig, aber ursprünglich auf die Bewältigung von Handlungen bei den Geschwindigkeiten ausgelegt, die man zu Fuß erzielen kann. Trotzdem würde wohl kaum jemand von uns von sich aus auf den Gedanken gekommen sein, mal wieder mehr zu Fuß zu gehen, hätte man nicht bereits öffentlich erklärt, dass Wandern und Entschleunigung neue Trends sind. Die Menschen kommen viel besser auf eine Idee, wenn sie in den Medien für schick erklärt wird. Obwohl sich ja Fernsehen, Zeitschriften und Radio die Kontrolle darüber entzieht, wann die Konsumenten mal zu Fuß gehen wollen. Immer öfter krähen die meinungsmachenden Illustrierten von den Dächern, dass Bewegung einer DER Faktoren bei unserer Gesundheit ist – und schont darüber hinaus den so gestauchten Geldbeutel unserer Krankenkassen. Nichts ist so teuer wie wenn ein Mensch über längere Zeit krank wird und über Jahre kostspielige Behandlungen über sich ergehen lassen muß. Dabei kann kein Arzt und keine Medizin so sehr Einfluß auf unseren körperlichen Zustand nehmen wie wir selbst durch das Leben, das wir uns angewöhnen. Es ist für die meisten schwerer, sich andere Gewohnheiten zuzulegen als irgendwann zum Arzt zu gehen – möglicherweise so spät, dass manche Symptome schon nicht mehr geheilt werden können. Vielleicht würden wir viele kleine und große Wehwehchen gar nicht kennen, wenn wir uns nicht als Großstädter eine Unzahl von eigentlich unnatürlichen Handlungen angewöhnt haben. In der Steinzeit konnte man einfach nicht den halben oder den ganzen Tag vor dem Fernseher liegen. Es gibt ja den Begriff „Couch Potatoe“ nicht schon immer. Und es gäbe ihn auch nicht, wenn es kein immer wieder auftauchendes Phänomen wäre. Leider wird man schon in der Bahn verstört angestarrt, wenn man sich nur ein bißchen zu auffällig streckt. Dehnübungen im Zug – undenkbar. In Zivilkleidung durch die Stadt joggen – ist für viele nur dann nicht irritierend, wenn der Betreffende es offensichtlich eilig hat. Na, das kann man ja einrichten. Nachdem in den letzten Jahren ja auch Großstadthindernislauf eine Trendsportart geworden ist, bei der man unter Anleitung gezeigt bekommt, wie man mehr oder weniger hochakrobatisch über Geländer und Mauern springt, muß man schließlich nur noch absichtich gehetzt wirken, um nicht mehr bestaunt zu werden – solange man nicht an Verkehrsampeln Klimmzüge macht und Liegestütze auf dem Bürgersteig. Aber soweit wird es ja erst einmal gar nicht gehen. Für den Anfang erscheint es schon ausreichend zu hoffen, dass die Menschen wieder mehr zu Fuß gehen werden. Eine ruhige Zeit zu Fuß wünscht Ihnen Sunshader
19th July 2009
11:37pm: DER TIGER LAUERT SCHON - WIRKLICH?
Warum es immer einen Grund zur wirtschaftlichen Panik gibt – und sie sich trotzdem selten bewahrheitet Rentenloch, Lohnnebenkosten, Ideenlosigkeit der Politiker, die sich ewig nicht einigen können und dann einfach die Mehrwertsteuer erhöhen - ´nationale´ Gründe, nervös zu sein, gibt es wirklich genug. Aber als wenn das noch nicht reichen würde, wird auch immer wieder gerne die wirtschaftliche Gefahr aus dem Ausland beschworen. Die Niedriglohnländer in Form der jüngeren Mitglieder der Europäischen Union, die Tigerstaaten brauen sich am östlichen Horizont zur neuen Bedrohung zusammen, manche fürchten sogar schon, die dritte Welt dreht uns irgendwann den Rohstoffhahn zu. Und dann gibt es ja immer noch die Finanzkrise. Und auch wenn all diese ´Bedrohungen´ für uns zutreffen könnten – so komplex, wie die Welt ist, kann es hundertprozentig dann doch niemand voraussagen. Oder haben die Japaner inzwischen die Welt gekauft, wie es Ende der Achtziger Jahre befürchtet wurde? In der Stadt, in der ich lebe, wird jedenfalls immer noch nicht mit Stäbchen gegessen. Es hat sicher auch etwas mit der Presse zu tun, in deren Wesen es einfach nicht (mehr) liegt, undramatisch über die Dinge zu berichten. Und soweit es China und die vielfach beschrieene Gefahr durch die Tigerstaaten angeht; erstens ist es unglaublich schwierig, ein gigantisch großes Land wie China trotz großer Volumen wirtschaftlich stabil zu halten, und zweitens ist ein Markt, der prozentual stark steigt, immer noch kein großer Markt, wenn er vorher fast bei Null war. Aber es verspricht vielleicht größere Auflagen, wenn man von möglichen Gefahren berichtet als davon, dass sich so unglaublich viel nun auch nicht ändern wird. Mit der Beruhigung der Leute war im großen Maßstab noch nie Geld zu verdienen – mit der Angst schon eher. Und so bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass die Arbeitswelt hierzulande und anderswo sich den Anforderungen der neuen Zeit schon anpassen wird. Nach den Entlassungsexzessen der letzten Jahre, die wir Konzernen zu verdanken haben, die trotz respektabler Gewinne massiv Personal abbauten und in zynischen Fällen noch die Bezüge des Managements stark erhöhten, ist wohl mit Masseneinstellungen nicht mehr zu rechnen. Ich persönlich befürchte tatsächlich eher, dass es nicht gelingt, den Weg zu Existenzgründung und Mittelstand unbürokratischer zu machen als dass wir bald alle Chinesisch lernen müssen. Vielleicht werden uns morgen schon die neureichen Russen als akute Gefahr präsentiert, oder dass ein skandinavisches Möbelhaus sich anschickt, uns unsere Betten wegzunehmen, wenn wir nicht brav sind. Aber ist das alles sehr wahrscheinlich? Ich glaube wie gesagt eher, dass diese Ängste geschürt werden, weil mit dieser Art von Berichten leichter Geld verdient werden kann, für Nachrichten über die Bedrohung von außen finden sich immer Käufer. Möglicherweise ist es auch einfacher, Zusammenhalt durch den ängstlichen Blick nach außen zu erzeugen als über nüchternes Beleuchten der inländischen Strukturen, die dazu erst einmal mühevoll verbessert werden müssten. Aber egal, wer uns jetzt eines Tages schluckt, seien es nun die Tigerstaaten oder die Japaner, die über Nacht doch zu Geld gekommen sind, Hauptsache, es ist im Magen schön warm. Eine entspannte Zeit wünscht Ihnen Sunshader.
14th July 2009
10:38pm: DIE NEUEN GETRETENEN IM KINO
Wie alte Visionen in Hollywood durch neue ersetzt werden „Dunkel ins Licht“, diese Verkehrung des bekannten Sinnspruches könnte durchaus als das geheime Motto der letzten Jahre lauten – in Hollywood. Die emotional flachen übermaskulinen Muskelmänner der Achtziger, die immer wieder einen Marsch durch alle Klischees des männlichen Machismo antraten, sind out. Die Leute wollen keine Saubermänner mehr sehen. Zu langweilig, zu oft schon gesehen, nicht mehr angepaßt an die immer stärkere Durchmischung aller möglichen Faktoren unserer rasant modern gewordenen Welt. Die Saubermänner der Achtziger sind ins Hintertreffen geraten – und ersetzt worden durch zunehmend düstere Helden, Menschen, die rücksichtslos ihre Interessen vertreten, oder weibliche Heldinnen, die, wenn auch in geringerer Zahl, den Marsch durch die Geschlechterklischees antreten, die in den Achtzigern ihre männlichen Vorgänger in umgekehrt abgeklappert haben. Wobei auch hier Hollywood männlichen Voyeuren meist genug zu sehen gibt, um auch die männliche Fraktion mit im Kinosaal zu haben. Wie gesagt, ich behaupte nicht, dass die meisten menschlichen Grausamkeiten, die man auf einem Bildschirm sehen kann, nicht auch schon in den Siebzigern und Achtzigern gezeigt worden wären – oder noch früher. Selbst Shakespeares Bühnenstücke sind schwerlich als Beschreibung paradiesischer Zustände zu sehen, aber es kommt mir schon so vor, dass damals der Blickwinkel und die Erzählstimme anders waren. Während früher der schlichte erzählerische Abstand zwischen Gewalt und Zuschauer größer war, gibt heute selbst Tom Tykwer, der Regisseur der Patrick Süskind-Verfilmung von „Das Parfüm“ zu, dass sie vor allem versucht haben, beim Publikum Sympathie für den Serienmörder im Film zu wecken. Man hat damals schliesslich auch nicht versucht, Norman Bates in „Psycho“ zur Identifikationsfigur zu machen, der Auserwählte wurde nicht wie Neo in „Matrix“ durch endlose Sinnlosigkeit zum Ausgezählten gemacht, es war damals, zumindest im Mainstream-Kino, eher Mitfiebern als Mitleiden gefragt. Das Marketing hat seinen glorreichen Siegeszug durch alle Institutionen angetreten – gemacht wird, was möglichst gut verkauft werden kann. Die Profis wissen inzwischen, was ankommt, also MACHEN sie, was ankommt. Wichtig ist meistens nicht die Substanz, sondern die möglichst große Chance auf maximale Inszenierung und optimalen Profit, beziehungsweise wie ein Angestellter des gigantischen Comic-Verlags Marvel Amerika einmal von sich gab: „Entertainment first... and message second.“ Es ist kaum möglich, alle Faktoren zu nennen, die zu dieser Entwicklung geführt haben, hier nur ein paar: Das zunehmende Zusammenwachsen aller Medien durch technische Produkte wie Handys, Computer, DVD-Player, Mp3-Player und Digitalkameras; die Inflation der Spezialeffekte im Kino und TV durch Computertechnologie sowie die Abnutzung vieler vermarktbarer Klischees durch zu häufiges Wiederholen der immer gleichen Verkaufsmuster. Dies soll kein Mahnstück gegen die zunehmende Gewalt in den Medien sein; es soll nur der Versuch sein, aufzuzeigen, dass in den letzten Jahren alte Visionen durch neue ersetzt wurden. Das hat nicht nur dazu geführt, dass dank gefälliger Inszenierung und Trailerkultur im Fernsehen man immer häufiger Formate kauft, die einem letztlich gar nicht gefallen, sondern auch dazu, dass die Übermenschen im TV der Siebziger und Achtziger Jahre vielfach durch Normalbürger ersetzt werden, im Kino sind es eher Exoten oder Figuren, die man früher auf den ersten Blick für Schurken gehalten hätte. Getretene Charaktere, die durch endlose Jämmerlichkeiten marschieren, unbegrenzte Computereffekte sorgen für Sorten von Filmen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Vielleicht ist das wirklich Teil einer ganz normalen Entwicklung und wird sich irgendwann wieder weiterentwickeln, auch dafür gibt es erste Anzeichen. Aber so manches Mal habe ich daran gezweifelt. Eine ruhige Zeit wünscht Ihnen Sunshader.
6th July 2009
8:03pm: DER HELLE BAHNSINN
Das Phänomen Deutsche Bahn Wir haben sie schon recht lieb gewonnen, unsere Bahn. Und obwohl die rosaroten Zeiten schon lange her sind, bringt die Bahn immer noch eine Unzahl Menschen jeden Tag von A nach B. Dass es überhaupt funktioniert, diese vielen Abläufe und Faktoren in etwas so eindimensionales wie einen Fahrplan zu packen, kann schon verwundern. Es gibt aber durchaus viele Menschen, die sich über die Bahn beschweren. Überfüllte Schalterräume, zu wenig Personal, die Umwandlung vieler Bahnhöfe zur kommerziellen Einkaufsmeile. Dass man trotz rotbejackter Service-Guides gut beraten ist, wenn man lernt, die Fahrkartenautomaten bedienen zu lernen. Wobei es selbst hier immer wieder Hürden zu nehmen gibt. Zum Beispiel bekommt man genauere Informationen zu Zugverbindungen, Gleis und Umsteigen nur dann, wenn man sein Ticket am EC-Automaten löst. Das mag daran liegen, dass die Bargeldautomaten vor allem für den regionalen Nahverkehr gedacht sind, wo die Fahrgäste meist ihre Strecke sehr genau kennen. Aber auf Gelegenheitskunden ist dieses System nicht mehr ausgelegt. Wer in Hetze sein Ticket lösen muss, ärgert sich auch noch die ersten Male darüber, dass er auf drei Belege warten muss, die aus dem Automaten kommen – und der dritte sich bei näherem Hinsehen als Werbung entpuppt. Mir selbst fallen auch Dinge an der Bahn auf, die mir eigenartig vorkommen. Zuallererst, dass die Bahn seit einigen Jahren den seltsamen Versuch angetreten hat, die Züge wie Flugzeuge wirken zu lassen. Schiebetüren, die sich von selbst öffnen, digitale Anzeigetafeln, die einen daran erinnern, dass man sein Gepäck nicht vergisst, Platz für große Koffer gibt es in vielen Waggons fast kaum noch, so dass man auch hier im wahrsten Sinne des Wortes gut fährt, wenn man den rollbaren Flughafenkoffer mit ausziehbarem Griff auch für seine Reisen mit der Bahn benutzt. Wenn sich dann auch noch der Zugführer über die Lautsprecher meldet, um auf Deutsch und Englisch im Flugkapitänsstil die Streckenführung zu verkünden, kann man doch kaum umhin, sich an das Reisen mit dem Flugzeug zu erinnern. Wobei der Blick aus dem Fenster dann doch beruhigenderweise zeigt, dass man die Erde noch nicht verlassen hat. Wobei die Beobachtung der Mitreisenden regelmäßig interessante Eindrücke zutage fördert. Zum Beispiel, dass immer wieder in halbleeren Zügen Menschen lieber auf dem Gang sitzen, als sich einen Doppelsitz mit einem Unbekannten zu teilen. Dass so viel mehr Menschen als früher im Zug am Laptop arbeiten, so als hätte die schiere Zahl der Manager und Big Player sich vervielfacht. Letzten Endes kann auch die Bahn nichts dafür, dass wir in einer Zeit leben, in der der Kommerz mit Marketing als Motor alles überrollt und vereinnahmt hat. Genießen wir doch einfach die Muße, die wir haben, um bis zur Abfahrt unseres Zuges in den immer großzügigeren Bahnhofsbuchhandlungen zu stöbern, da, wo unser schlechtes Gewissen uns nicht einholen kann. Und auch, wenn es uns manchmal ärgert, dass man Tausende von Reisenden nicht jeden Tag so organisieren kann, dass alles bis ins kleinste Detail reibungslos läuft, sollten wir uns an die Hetze unserer Zeit erinnern, lächeln und uns selbst sagen: „Keine Panik. Die Bahn kommt.“ Eine ruhige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
28th June 2009
4:23pm: VERSTAND GEGEN GEFÜHL
Warum unser Verstand allein uns nicht sagen kann, was gut für uns ist Ich glaube mittlerweile, dass die positive Einstellung zum Leben in jedem Moment wieder neu erkämpft werden muss. Jegliche Strategien zur Erkennung und Beherrschung der Welt um uns herum sind letzten Endes nutzlos. Das Boot Seele wird vom Motor Gefühl angetrieben. Dieses System kann der Bootseigner Mensch nicht umbauen. Wer das Gefühl für den Moment durch egal welchen Mechanismus ersetzt, gerät langfristig trotz anfänglicher Erfolge in den Strudel von einem Zuviel an Gedanken, Ängsten und Zweifeln. Das muss nicht sein – wenn man sich auf den Moment einlässt. Kein Plan ist so gut, dass man ihn nicht ändern müsste. Wie der Kampf besteht trotz allem technischen Schnickschnack das Leben aus dynamischen Strukturen, auf die der Mensch spontan reagieren muss. Das kann keine noch so gute Philosophie ersetzen – meiner Ansicht nach. Ergänzen ja, bereichern, vielleicht gar kalkulierbar machen, aber nicht ersetzen. Wer mir eine Art verrät, wie er es anders geschafft hat, mit seinem Leben klarzukommen, soll mir gerne seine digitale Visitenkarte schicken. Ich kaufe dann vielleicht sein Buch. Erst wenn man den reißenden Fluss des Lebens nicht mehr durch seinen allzu menschlichen Willen bremst, kann man spontan auf den Moment reagieren. Wer meint, die endlosen Möglichkeiten des Lebens mit seinem Verstand unter Kontrolle bringen zu können, der irrt. Wenn wir lernen könnten, uns auch als Erwachsene ein paar Mal am Tag wie Kinder zu fühlen, dann wäre ein großer Schritt getan. Man muss sich natürlich über gewisse Dinge Gedanken machen. Man muss planen, denken, organisieren. Man darf sich davon nur nie wirklich dauerhaft gefangennehmen lassen. Wenn man durch ein Übermaß an an sorgenvollem Denken den Kontakt zu seinem Gefühl verliert, verliert man im gleichen Zug auch viel von seiner Individualität. Etwas einmal Verschüttetes wieder zu bergen, ist aufwändig, das wissen wir alle. Aber da unser Gefühlsleben unsichtbar ist, entzieht sich uns jede Sicherheitskontrolle in Sachen Gefühl. Im Gegenteil, wir sind vielmehr gut beraten, wenn wir innerlich viele Zügel locker lassen. Damit wir uns voll und ganz auf den Moment einlassen können. Zähneputzen und Rechnungen bezahlen vorausgesetzt, versteht sich. Aber Spontaneität und Genießen fällt vielen schwer. Zu groß ist für viele die Hektik, die uns das Großstadtleben auferlegt. Ob wir bei der Bewältigung unserer Aufgaben innerlich entspannt sind, hängt vor allem von uns selbst ab. Auch wenn wir als Erwachsene gerne aufhören, das zu glauben. Die endlose Aufbruchsstimmung, die von den Medien transportiert wird, bekommt dem Menschen auf Dauer nicht. Der Verstand ist nie zufrieden. Es könnte ja immer irgendetwas noch besser sein. Denkbar ist das immer. Wenn man mal nicht mehr ständig etwas will, sondern darauf achtet, wie man sich fühlt, ändert sich etwas ganz entscheidendes. Das Denken ist immer wieder auf jenseitige Zustände gerichtet. Die Zukunft, das Glück, Erfolg, Liebe, Wohlstand, Ruhm. Das Gefühl entfaltet sich vor allem in der Gegenwart. Vielleicht ist ein solcher Ansatz gar nicht vermittelbar, aber Glück lässt sich eben nicht denken. Man kann es nur empfinden. Eine gefühlsreiche Zeit wünscht Ihnen Sunshader.
22nd June 2009
1:02am: SCHULE - DAS PROBLEM MIT DEM SYSTEM
Warum unser Schulsystem von den Skandinaviern lernen kann PISA-Studie, mangelnde Allgemeinbildung, Einbruch im Bildungssektor, Schlagworte, die uns erschrecken in einer Zeit, in der es soviele vitale Problemfelder gibt, dass kaum noch jemand weiß, wo er anfangen soll. Es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob eine komplette Schwerpunktverlagerung im Schulwesen nicht das Sinnvollste wäre. Weniger pures Abfragen von Wissen und mehr Förderung von Eigeninitiative. Ich weiß, in Ansprachen von Offiziellen haben wir das alles schon mindestens einmal gehört. Trotzdem glaube ich, dass mit dem aktuellen System der Abfragbarkeit von Wissen, wie ich es wahrnehme, höchstens gewährleistet wird, dass man nach Punktsystemen benoten kann. Der Blick nach Skandinavien offenbart Alternativen: Dort verfolgen die jungen Schüler, sobald es irgendwie geht, den ganzen Tag über selbstständig eigene Aufgaben, recherchieren in der Bibliothek und im Internet, der Lehrer ist zwar in der Nähe und kann gefragt werden, der Schwerpunkt liegt aber ganz eindeutig auf der immer wieder neu erbrachten Eigenleistung der Schulkinder. Nun kann ich schlecht abschätzen, ob zum jetzigen Zeitpunkt ein derartiger Ansatz auf das deutsche Schulsystem übertragbar ist oder ob dem organisatorische oder sonstige Hindeniss entgegenstehen. Nichtsdestotrotz kommt es mir einfach viel sinnvoller vor, in dieser Art und Weise tatsächlich die Eigenständigkeit zu schulen als notenmäßig diejenigen stringent zu belohnen, die am wenigsten Probleme mit Auswendiglernen und Nachbeten haben. Wenn zwei Menschen ein Buch lesen, kann man das Geschriebene entweder dadurch wiedergeben, dass man es so oft liest, bis man die Kernthesen auswendig aufsagen kann, oder man liest es so, dass man für sich verstanden hat, was drinsteht. Ich gebe zu, eine Umstellung wie von mir angeregt birgt sicher auch etliche Risiken. Darüberhinaus gibt es vielleicht eine größere Gefahr für willkürliche Benotungen in einem System, in dem die individuelle Art der Leistung des Schülers stärker in Betracht gezogen werden muß. Aber wann will man anfangen, wenn man begünstigen will, dass sich mehr Menschen in Richtung eigenständiges Denken und Handeln entwickeln sollen? Während man in unserem Informationszeitalter, ein minimales Interesse vorausgesetzt, viele Informationen einfach frei Haus bekommt, wäre es vielleicht ratsamer, den jungen Menschen beizubringen, wie sie diese ganzen Informationen organisieren und für sich sinnvoll einsetzen können, anstatt einfach immer nur mehr Wissen in sie hineinzupumpen, das ihnen aber letztlich später kaum weiterhilft. Eine eigenständige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
16th June 2009
12:22am: SINFONIE IN MOLL
Was aus dem Musikfernsehen geworden ist Damals, als Viva noch neu war und Ray Cokes noch bei MTV arbeitete, damals, als die Musikfernsehsender noch in erster Linie Musikvideos gespielt haben - und nicht Klingeltonreklamen, die von mit Musik untermalten Erotik-Clips unterbrochen werden - als man sich noch traute, die Musik in den Mittelpunkt zu stellen und sich noch nicht ins Programmfernsehen geflüchtet hatte, ja, das war noch Musikfernsehen. Aber wir wissen ja alle, die Musikbranche hat es schwer seit dem Internet, und auch das Musikfernsehen ist davon nicht unberührt geblieben. Wobei man sich fragen muß, ob das Problem der Musikgiganten nicht auch zum Teil hausgemacht ist. Zumindest die hinter dem Musikfernsehen stehende Musikbranche hatte in den letzten Jahren scheinbar ein gesteigertes Interesse an formbaren Nobodys, die im besten Casting-Sinne so lange vor sich hin trällern, bis sie durch andere Nobodys ersetzt werden. Nun war das im Entertainment in gewissem Maße sicherlich schon immer so. Trotzdem frage ich mich, ob man es mit der Austauschbarkeit der Protagonistinnen und Protagonisten im Musikgeschäft nicht längst zu weit getrieben hat. In den letzten Jahren sind bei weitem mehr Bands entstanden, in den Himmel gelobt worden und wieder in Vergessenheit geraten, als ich mir habe merken können. Wie soll man sich darüber auch wundern, wenn doch die schiere Masse dessen, was man nicht nur im Musikbereich kennen muß, um „mitreden zu können“, so unüberschaubare Ausmaße angenommen hat? Aber inzwischen ist es ja eher so, dass man sich schon freuen muß, wenn man auf eine Stunde MTV oder VIVA schauen mehr als fünf Musikvideos zu sehen bekommt. Gegen Abend tummeln sich die Lückenbüßer-Formate aus der Reality-TV und Anime-Ecke, den großen Einblick in die Musikecke kriegt man zur besten Sendezeit hier schon lange nicht mehr. Werbespots und Polyphon-Klingeltöne schon eher, da ist man ja fast schon froh, wenn schrottreife Autos zu schicken Schlitten mit unnützem Zubehör ála Passbildautomat, Riesenboxen und Flatscreenfernseher aufgemotzt werden. Vielleicht ist das alles Teil einer natürlichen Entwicklung, die nicht aufzuhalten war. Auch der Effektboom im Filmsektor hat sicherlich einiges dazu beigetragen, dass Viele sich einfach schon recht „satt“ gesehen haben an schicken kurzen Clips, deren transportiertes Musikstück nicht selten ein besserer Soundtrack zum Kurzfilm ist. Trotzdem werde ich wohl noch lange der Zeit hinterhertrauern, als Musikvideos im Fernsehen noch von Verbraucherinformationen unterbrochen wurde – und nicht umgekehrt. Eine ruhige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
10th June 2009
5:20pm: HEUTE SCHON VERGESSEN?
Vergessen – der letzte Ausweg aus den Medienrummel Warum lassen immer mehr mündige Bürger immer öfter den Fernseher aus? Die Macher würden jetzt sagen: „Weil alles drin ist, was „in“ ist.“ Aber genau darum geht es. Die Menschen lassen den Fernseher aus, weil sie langsam merken, dass sie keine Instanz mehr brauchen, die ihnen sagt, was „in“ ist, wen sie bewundern und was sie kaufen sollen. Viele werden dabei sein, denen die ewige Berieselungsmaschinerie Fernsehen einfach eine gute Ecke zu bunt geworden ist. Selbst wenn gerade keine Werbung zu sehen ist, man hört auf tausend Arten an ebenso vielen Programmstellen, was erfolgreich ist und gekauft werden soll. Ob das Promi-News sind, TV-Shop-Sender, Casting-Shows, das alles schreit: „He, Du! Sieh mich an! Bewundere mich! Kauf mich! Sieh Dir gefälligst meinen Film im Kino an!“ Man könnte meinen, dass es neben unserem Leben noch eine zweite Wirklichkeit gibt, in der Schokoriegel zum Fliegen verhelfen, ständig Reporter um einen herum sind und man schon gar nicht mehr weiß, wo man all die Oscars hinstellen soll, weil die Regale schon voll sind damit. Aber diese zweite Wirklichkeit gibt es nicht. Es ist nicht nur sinnlos, sich allzu ausgiebig über die Stars und ihre alltäglich berichteten Erlebnisse zu unterhalten. Es bringt uns auch in unserem eigenen Leben kaum weiter. Zumindest dann nicht, wenn man die Informationen über Erfolgsformate um ihrer selbst willen liest und nicht, um für sich etwas Sinnvolles herauszuziehen. Ob Brad Pitt seine Jennifer Aniston nun aus vernünftigen Gründen verlassen hat oder nicht, kann mir als Normalbürger nämlich schnurzegal sein. Aber es gibt ja auch viele andere Informationen wie diese, die mein Gehirn regelrecht verstopfen. Und das in einer Welt, in der ohnehin alles komplizierter wird. Da lasse ich doch lieber die Informationen weg, die ich für mein persönliches Überleben im Großstadtdschungel nicht brauche. Vergessen ist heutzutage oft der einzige Ausweg aus dem Medienrummel. Wie war nochmal das Waschmittel aus dem Werbespot mit den coolen Außerirdischen? Wer war noch mal der Hollywood-Schauspieler, der in seiner Freizeit Kühe züchtet? Was heißt „ich habe keine Lust mehr, soviel fernzusehen“ auf Klingonisch? Genau. Ich hab´s vergessen. Weil es einfach nicht so wichtig ist. Schon längst sind die Behauptungen in den Werbespots der Großen viel größer als die Produkte selbst. Wir machen den Weg frei, haben verstanden und sind ihr Fels in der Brandung – schon klar. Alle erfolgreichen Produkte und Dienstleistungen auf einmal im Kopf zu behalten muss bei der Masse an Dingen, die man angeblich haben und gesehen haben muss, schon fast Vollbeschäftigung bedeuten. Da vergesse ich doch lieber, was ich gestern im Fernsehen gesehen habe, welche Produkte man zu welchem Film erstehen kann und wieviel Geld welcher Star in welchen unsinnigen Ausbau seiner Villa gesteckt hat. Man könnte sich natürlich fragen, ob man mit solcher Attitüde nicht so manchen spannenden Trend verschläft – und den Anschluß an seine Zeit verliert. Wenn ich mir die vergangenen Jahre aber so ansehe, finden vernünftige Trends den Weg zu mir auch ohne Kabelfernsehen. Und die Trends, die ich auf diese Art verschlafe, kann ich wahrscheinlich guten Gewissens vergessen. Eine Zeit, in der sie sich vor allem an persönliche Dinge erinnern, wünscht Ihnen Sunshader.
1st June 2009
10:35am: DIE TEURE POLITIK
Wie uns die Politik immer wieder teuer zu stehen kommt. Die uns so teure Politik lässt uns immer wieder nicht ganz billig aus den Dingen herauskommen. Da das keine Neuigkeit ist, konnte uns auch die letzte Mehrwertsteuererhöhung wohl nicht mehr wirklich nennenswert überraschen – und dass Politiker die einzigen Lebewesen auf der Erde sind, die selbst die Erhöhung ihres Einkommens beschließen dürfen, ist ja nun auch keine Neuigkeit mehr. Da wir im Inszenierungszeitalter der Medien angekommen sind, tummeln sich viele Entscheidungsträger aus der Politik vor allem gerne im Fernsehen – möglichst eine gute Figur abgebend und dann natürlich möglichst oft. Wenn man neben den hohen Bezügen in Betracht zieht, dass Politiker selbst bei nur kurzer Amtszeit überaus respektable Abfindungen bekommen, findet sich bestimmt der eine oder andere, der sich fragt, warum wir noch Politiker brauchen, wenn sowieso die ausgiebige Diskussion über jedes Thema langfristig nur dazu führt, dass die aus einem Problem resultierende Belastung auf den einzelnen Steuerzahler abgewälzt wird. Wenn es nicht von vorneherein unpraktikabel wäre, könnte man fast auf die Idee verfallen, das ganze Geld, das Politiker kosten, inklusive aller Abfindungen, Dienstwagen und Sondervergünstigungen zu sparen und an deren Stelle eine überschaubare Zahl an skrupellosen Managern einzustellen, die ganz offen und ohne moralische Verklärung einfach alle paar Jahre alles teurer machen. Letzten Endes muss man wahrscheinlich die Schraube noch weiter hinten ansetzen und dort suchen, wo völlig sichtbar für alle und ohne jede Scham massive Gewinne mit Massenentlassungen und zusätzlichen Belastungen einhergehen – ja, die großen Konzerne müssen sparen, der Wettbewerbsdruck ist zu groß, sagen sie. Wer jetzt noch ein Bollwerk für die Arbeitnehmenden sein soll, wenn es den Konzernen erlaubt ist, mit einem Schulterzucken ihren Platz als Verantwortung tragende Instanz zu räumen, kann man sich wirklich fragen. Aber wir wollen an der Stelle nicht vergessen, dass die Welt, in der wir leben, enorm kompliziert geworden ist – und auch, wenn so manche Vorhaltung oder Zurückweisung eines Politikers durchaus einmal billig wirkt, hier ist eben nicht nur die Politik, sondern auch guter Rat teuer. Eine preiswerte Zeit wünscht Ihnen Sunshader
26th May 2009
12:46am: SMELLS LIKE TEAM SPIRIT
Vom Konkurrenzprinzip zum Voneinander Profitieren Dass wir bisher in einer beinharten Konkurrenzgesellschaft gelebt haben, erscheint uns nicht als Neuigkeit. „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Schon unsere Vorväter glaubten das – und hatten ja auch oft recht damit. Nun könnte man sich fragen, inwiefern sich diese eherne Regel ändern könnte, womöglich sogar in ihr Gegenteil. Schon in der Grundschule herrscht das Konkurrenzprinzip – in Mathe wie beim Fußballspiel. Eigentlich kein Wunder, dass viele der herkömmlich durch die Schulzeit gegangenen Kinder, die inzwischen Erwachsene sind, ihr Leben als Kampf und das Dasein als Bedrohung empfinden. Viele der uns vertrauten Dinge jedoch bekommen ihre Position im Koordinatensystem Leben erst durch ihren Gegenspieler. Das andere Extrem definiert die eigene Position und dient sowohl als Feindbild als auch zur Findung der eigenen Identität. Links gegen rechts, Arbeitgeber gegen Gewerkschaften, Kunst gegen Design – unser gesamtes Leben ist offenbar durchzogen von gut gepflegten Konfliktbereichen. Wir hinterfragen das in aller Regel nicht, es ist uns selbstverständlich geworden, dass sich ständig Menschen streiten, Konkurrenzkampf üben und dass immer irgendwo auf der Welt Krieg herrscht. Nun kann man ja die Frage stellen, wie das jemals anders sein kann. Und selbstverständlich kann auch ich an dieser Stelle nicht das Rad neu erfinden. Aber selbst wenn es Bereiche gibt, die zwangsläufig konfliktdurchzogen sein müssen – gibt es nicht auch andere, wo man sich seit Urzeiten sinnlos die Köpfe einschlägt? Wenn es ganze Berufsbereiche gibt, die sich untereinander nicht mögen, ist es natürlich auf Dauer schwierig, nicht jedem Menschen, der einem begegnet, erst einmal misstrauisch gegenüberzutreten. Trotzdem möchte ich die Hoffnung nicht sofort aufgeben, dass eines fernen Tages Instanzen voneinander profitieren, die sich jetzt noch als Antagonisten aufführen. Es hat im vergangenen Jahr sogar vereinzelt Berichte von einer Studie gegeben, die herausstelllt, dass reines Ellbogenverhalten auf Dauer auch schädlich für den Einzelnen sein kann – und dass Teamplayer dadurch, dass sie sich oft durch Gefälligkeiten bei anderen beliebt machen, durchaus auch etwas zu ihrer eigenen Absicherung beitragen. Ihr soziales Netz ist oft weitverzweigt und stabiler als das von engstirnigen Einzelgängern, die am liebsten immer alles alleine machen und dann dafür auch die Lorbeeren allein in Anspruch nehmen wollen. Es mag allerdings sein, dass für einen Weg von der Konkurrenzgesellschaft zum Voneinander Profitieren überhaupt erstmal passende Gesetze geschaffen werden müssen – und da liegt natürlich schon der erste Hase im Pfeffer; auf passende Gesetze müsste man sich erstmal einigen. Eine konfliktarme Zeit wünscht Ihnen Sunshader
20th May 2009
5:48am: DER KUNDE - KÖNIG OHNE ABSCHLIESSBAREN PALAST
Die Belästigung durch Kundenbefragungen Wie ist ihre Postleitzahl? Haben Sie mal eine Minute Zeit für eine telefonische Kundenbefragung? Wollen Sie nicht auch weniger Gebühren bezahlen? Wir alle kennen diese Sätze, und wir wissen auch ganz genau, zu welchem für uns unangenehmen Thema solche Formulierungen gehören: Kundenbefragungen. Seit das Marketing nämlich im gläsernen Menschen sein Lieblingsspielzeug entdeckt hat, können wir uns fast nicht mehr retten vor Gewinnspielen, Fragebogen und Sammelpunktsystemen, die letztendlich alle nur eines wollen: so genau wie möglich herauskriegen, wofür die Menschen gerne viel Geld bezahlen, damit man genau das produzieren kann, um – Sie ahnen es sicher bereits – möglichst viel Geld mit diesem Wissen zu verdienen. Und so werden wir zu Hause immer wieder mal belästigt von Telefonanrufen der lieben Kundenbefragungsinstitute, von Interviewern, die persönlich vorbeikommen und uns glauben machen wollen, sie täten mit unserer Hilfe einen Dienst an der Menschheit, ja sogar unsere eigenen Handyprovider machen sich die Mühe, uns zu Hause anzurufen, um uns einen angeblich günstigeren Tarif aufzuschwatzen, der in aller Regel bedeuten wird, dass die Grundgebühr steigt. Sollen sich die Prächtigen und Mächtigen nicht wundern, wenn sich irgendwann die Verärgerung der Kunden über jedem entlädt, der ihre Zeit mit derartigen Nichtigkeiten verschwendet. Aber man verspricht sich offensichtlich einiges von der hartnäckigen Befragung der Kunden. Angeblich ja vor allem, um selbigen besseren Service bieten zu können. In welchem Bereich in Deutschland der Service, den wir gewöhnt sind, BESSER geworden wäre und nicht schlechter, soll mir mal einer erzählen. Man muss sich im Großmarkt seiner Wahl, vor allem bei Hochbetrieb, seine DVDs aus Tausenden von Scheiben selber heraussuchen, weil die Regale meist nicht vernünftig sortiert sind und die wegen Downsizing spärlichen Mitarbeiter völlig überfordert damit sind, mit jedem einzelnen Kunden unter allen Packungen nach seinem Lieblingsfilm zu suchen. Man muss in der Post viel länger warten als früher. In Banken läuft das meiste über kostengünstige Automaten, die zwar auch bis spät verfügbar sind, aber natürlich keine Fragen beantworten können. Man könnte sich fragen, warum die Kunden privat so ausgehorcht werden, wenn sich im Geschäftsalltag dann doch keiner mit ihnen beschäftigen will. Ich habe schonmal eine Viertelstunde damit verbracht, im Fotoladen dem Verkäufer dabei zuzusehen, wie er die Telefon-Hotline des Herstellers meiner defekten Kamera anrief. Man hat aber kein Problem damit, mir an jeder Ecke Kundenkarten anzubieten, die mein Leben angeblich – wie immer – schöner und besser machen sollen. Dummerweise wird mein Leben vor allem dann schöner und besser, wenn ich nicht ständig in meiner Freizeit von Leuten belästigt werde, die für andere Leute Geld an mir verdienen wollen. Vielleicht fange ich eines Tages an, Marketinginstitute persönlich aufzusuchen, um den jeweiligen Geschäftsführer zu fragen, ob er mit mir meine Lieblingssendung im Fernsehen sehen will, wenn er Feierabend hat – in seiner Wohnung natürlich. Irgendetwas sagt mir, dass daran niemand Interesse haben wird - da ist es vielleicht besser, zu Hause zu bleiben und höflich den Befragern am Telefon zu sagen: „Tut mir leid, ich habe an derlei Dingen kein Interesse.“ Eine uninteressierte Zeit wünscht Ihnen Sunshader
12th May 2009
10:42am: EIGENES DENKEN
Warum selber Denken einfach aus der Mode gekommen ist Stern, Spiegel, Focus, Fernsehen, Kino, Zeitungen – wir haben eine Menge Plattformen, die uns die Informationen, die wir bekommen, vorfiltern. Und dann natürlich auch alles aus einem gewissen Blickwinkel beleuchten. Zusammen mit dem Umstand, dass man aufgrund der heute üblichen Hektik eigentlich nur noch Zeit hat, den paar Informationsschnipseln hinterherzuhecheln, die man aufnehmen kann, formuliere ich hiermit die These, dass unserer Gesellschaft im wahrsten Sinne die Zeit zum Denken fehlt. Geschweige denn die Motivation, das auch tun zu wollen – es macht halt erstmal mehr Spaß, sich fünf neue Filme anzugucken, als ein Buch zu lesen. Das Problem bei dieser Überflutung von vielen Bildern und wenig echter Information besteht schlicht und ergreifend darin, dass wir keine Übung mehr darin haben, uns eine eigene Meinung zu bilden, die mehr wäre als eine Mixtur aus den drei Berichten, die wir über das Thema gelesen haben – wenn überhaupt. Es ist doch vielmehr so, dass wir froh sind, wenn uns Dinge egal sein können. Zu lange schon quälen uns Themen, an deren Existenz und Schweregrad wir eh nichts ändern können. Klimakatastrophe, Krisenherde, Menschenrechtsverletzungen, und das alles wird uns von den Medien immer und immer wieder in die Schädel gehämmert, als wenn wir uns um all das morgen früh bereits persönlich kümmern müssten – vor dem Frühstück, versteht sich. Um Missverständnissen vorzubeugen: ich bin keineswegs gegen eine umfassende Berichterstattung. Ich glaube vielmehr, dass vor lauter Informationsflut, von der die Berichterstattung ja nur einen Teil ausmacht, dafür sorgt, dass in unserem Gehirn neben Kaufhinweisen und News für eigene Gedanken zu wenig Platz bleibt. Dieser Effekt sorgt dafür, dass wir uns zu einem Lebensstil des „Hinterherhechelns“ gebracht haben – die Nachricht abgreifen, bevor sie veraltet ist und einen nicht mehr befähigt, zumindest mitreden zu können. Ändern kann man ja angeblich ohnehin nichts. Wie sollen die Menschen auch wieder ans Denken kommen, wenn es vor allem hip ist, hip zu sein – was immer das heißen mag. Irgendwo in einer ruhigen Ecke zu sitzen und nachzudenken oder huch! gar ein Buch zu lesen, verbessert schließlich nicht unser Image. Ich glaube fast, dass wir vom ewig beschrieenen Informationszeitalter längst ins Inszenierungszeitalter abgedriftet sind. Das Verarbeiten aller verfügbaren medialen Information und das Formulieren eigener Gedankengänge in nennenswertem Maß schließt sich in meinen Augen vielerorts gegenseitig aus. Nicht selten verzichten wir auf eigene Anteilnahme und überlassen den Kommentar einem Medienprofi, schließlich wird er ja dafür bezahlt. Mit der Frage, was wir alle dafür bekommen, dass wir einen ruhigen Fluß aus Leben und Denken gegen ein nichtendenwollendes Karussell aus gehypten „News“ austauschen, die uns letzten Endes entweder nicht betreffen oder gegen die wir machtlos sind, möchte ich die geneigten Leser nun allein lassen – und mich auch. Eine Woche ruhigen Denkens ohne Fremdeinfluß wünscht Ihnen Sunshader
5th May 2009
10:21pm: KEINE SUBSTANZ
Von der Banalität des Blöden In punkto Fernsehen will wohl niemand die Siebziger zurück. Ellenlange Spielshows, dürftig gewürzt mit minutenlangen Anekdoten von Showmastern und Kandidaten, aus heutiger Sicht lächerliche Science-Fiction-Formate, die mit Alufolie und rauchigen Explosionen aus der Not eine Tugend machten – aber damals fing halt an, was heute alle paar Monate wieder ein scheinbares Ende findet. Ein scheinbares Ende in Form von einem Punkt, wo mehr Substanzlosigkeit kaum mehr denkbar ist. Pseudo-Reality-TV, immer und immer wieder schmackhaft gemacht mit der nicht endenwollenden Bloßstellung von Kandidaten, Casting-Shows jeder Couleur und zuguterletzt die von Anrufbeantwortern finanzierte Geldsammelmaschine NeunLive („Ruf doch mal jemand an hier! Fünftausend Euro!“) sorgen dafür, dass eingeschaltet wird. Wenn Menschen Nerven zeigen, lässt das die wenigsten kalt. Was provoziert, was anmacht, was sich verkauft, das wissen die Macher der Medienformate von Spielshow bis Kinofilm ganz genau. Aber genau da wird auch schon wieder virtuos am eigenen Ast gesägt: wer will noch zuschauen, wenn man ohnehin genau weiß, dass man außer Provokation nichts bekommt? Wenn man sowieso weiß, dass Deutschland den Superstar nach all den Tränen der Vorausscheidungen wieder in seine Zweizimmerwohnung schicken muß, weil es leider doch nichts für ihn tun kann? Wenn man alle Hilflosigkeitsszenarien, Grausamkeiten, Gewalttaten und Provokationen, und seien sie nun erotischer Natur oder nicht, aus den Medien streichen würde, bliebe heutzutage wohl kaum noch etwas unterhaltsames übrig. Ausnahmen bestätigen selbstverständlich auch hier die Regel. Exploitation. Das Schlagwort schlechthin, wenn man die heutige Unterhaltung verstehen oder aushalten will. Wenn Gabi in Tränen ausbricht, weil sie gerade mit einem fiesen Spruch aus dem Casting geworfen wurde, wenn im Kino jemand über Minuten brutal zusammengeschlagen wird, wenn der Geiselnehmer mit vorgehaltener Waffe droht, den Familienvater vor seinen Liebsten zu erschießen, gilt immer das gleiche. Das versteht jeder, das weckt – zunächst zumindest – in jedem Gefühle, erzeugt Beklemmung, Widerwillen und das Interesse, auch noch solange dranzubleiben, bis der Knoten sich löst und durch einen neuen ersetzt wird. Es ist keine neue Erkenntnis, dass man keine Vorbildung braucht, um Bilder auf sich wirken zu lassen. Deswegen funktionieren Bedrohungsszenarien, egal ob physisch oder psychisch, erst einmal bei jedem Menschen. Es überrascht vor diesem Hintergrund nicht weiter, dass das Lexikon „Exploitation“ mit „Ausbeutung“ übersetzt. Genau das passiert hier. Es werden Mechanismen ausgebeutet, die funktionieren, die schocken, reizen und so für eine hohe Quote sorgen sollen. Das einzige, was dieser Trend noch zu fürchten hat, ist die Abstumpfung. Und obwohl die Großen in Hollywood und anderswo längst erkannt haben, dass es nicht ewig so weitergehen kann, dass selbst große Produktionen wenige Monate nach ihrem Kinostart wieder in der Belanglosigkeit verschwunden sind, wird man wohl nicht einfach so zu subtileren Inhalten zurückkehren. Wer nur weiß, was ankommt, um dann zu produzieren, was ankommt, kann halt immer noch keine Geschichte erzählen. Und erst recht keine schöne Geschichte. Eine gehaltvollere Zeit wünscht Ihnen Sunshader
27th April 2009
8:29pm: ZURÜCK ZUR FAMILIE
Warum die Single-Gesellschaft zwar viele Fragen aufwirft, aber keine Antworten bietet Die Familie hat als Lebenskonzept ausgedient, könnte man meinen. Singles sind flexibler am Arbeitsmarkt, können eher auch mal im Ausland arbeiten, bringen scheinbar in unserer arbeitsorientierten Welt nur Vorteile. Zumal wegen des Überangebots an Arbeitskräften die Anforderungen der Arbeitgeber ohnehin vielerorts ins Unendliche angewachsen sind. Wenn sich auf einen gutbezahlten Arbeitsplatz fünfhundert Bewerber melden, können sich die Personalchefs den passenden Kandidaten natürlich mit der Pinzette heraussuchen. Wer würde da allen Ernstes den Familienvater oder gar eine Mutter aussuchen, wo doch ein scheuchbarer Single um so vieles lukrativer erscheint? Es gibt immer mehr Single-Haushalte, immer mehr Menschen, die alleine arbeiten, wohnen und ihren Abwasch machen. Und in unserer zunehmend komplizierten Zeit auch immer mehr mit ihren Sorgen und Nöten allein sind. Woher eine Gesellschaft ihre Stabilität nehmen soll, in der sich die Familie als sicherer Hafen zunehmend in Auflösung befindet, interessiert heutzutage wohl vor allem die Krankenkassen. Die sich mit den Folgekosten konfrontiert sehenden Kassen können natürlich in ihrer Position eher zu mehr Bewegung aufrufen als Familiengründung zu propagieren. Zumal ich zugeben muss, dass der Beweis noch aussteht, dass unsere Vereinsamungsgesellschaft zu gigantischen Folgekosten in Form von Krankheiten und Wehwehchen führt. Aber ist diese Annahme wirklich so fernliegend? Ist der Schritt zur festen Partnerschaft schon für viele ein weiter Schritt aus ihrer liebgewonnenen scheinbaren Unabhängigkeit, so erscheint Familiengründung samt Kinderkriegen fast schon als Image-Problem. Wer will in Zeiten von Casting-Shows und Ruhmesdurst tatsächlich etwas so Spießiges tun wie eine Familie zu gründen? Wer will Lust entwickeln, irgendwo anzukommen, wenn alle Medien vom Film bis zum Werbespot den ewigen Aufbruch propagieren? Es gilt in unserer Gesellschaft fatalerweise als cooler, aus teuren Autos auszusteigen als sich fest zu binden. Die Einsamkeit des Singles schlägt erst dann über ihn herein, wenn er den Fernseher oder den Computer ausgemacht hat; und dann bemerkt, dass er vor drei Uhr nachts nicht in den Schlaf findet. Es ist nicht nur die „Hurra!“- Stimmung auf Hochzeiten, die bei mir den Eindruck entstehen lässt, dass wir uns zu einer Gesellschaft von misantropischen Einzelgängern entwickeln. Was will man bei dem, was die heutige Zeit an Vorbildern bietet, schon erwarten? Deutsche Gangster-Rapper, die jeder für sich den ominösen Titel „König der Straße“ in Anspruch nehmen, Schauspieler, die mehr Villen bewohnen, als sie Gliedmaßen haben – was wird denn als Erfolgsmodell vorgelebt, was nicht wie maximal gelebter Egoismus daherkommt? Zumal man ja fast den Eindruck hat, dass Stars nur noch deswegen heiraten, um öfter in der Klatschpresse zu erscheinen. In einer Welt, in der Auffallen durch Anderssein angestrebt wird, muss die scheinbare Normalität der Familie fast zwangsläufig uninteressant werden. Dass die nicht endenwollenden Verheißungen der Medien zwar toll aussehen, aber nicht zufrieden machen können, fällt bei der großartigen Inszenierung der meisten Formate kaum auf. Die Langspielplatte Familie ist der Maxi-Single Singlehaushalt nur auf den ersten Blick unterlegen; die Maxi-Single ist zwar kleiner und dreht sich schneller, aber sie spielt immer das gleiche Lied. Die Langspielplatte nimmt etwas mehr Platz im Regal ein, hat aber mehr Lieder und dreht sich gleichmäßiger. Auch wenn die Familie für viele als Lebenskonzept ausgedient hat, glaube ich, dass es gute Gründe gibt zu hoffen, dass es nicht für immer so bleibt. Eine familiäre Zeit wünscht Ihnen Sunshader
20th April 2009
9:21am: DAS CASTING-SHOW - PHÄNOMEN
Ein totes Format nekrophiliert noch ein bißchen vor sich hin Wir kannten sie alle, und kennen sie immer noch, zumindest vom Hörensagen; die No Angels, Bro´Sis, Daniel Küblböck, der blonde Alexander, all die vergangenen Gewinner und Saisonsieger des Phänomens Casting-Show. Komisch nur, dass kaum noch eines dieser Formate noch groß im Gespräch ist, nur wenige Jahre nach dem glorreichen Sieg, den Freudentränen und den großen Versprechungen, die hierzulande, wenn man ehrlich ist, eigentlich niemand halten kann. Währenddessen sucht Deutschland immer noch den Superstar, die Superband, das Supermodel, und irgendetwas sagt mir, dass man von den meisten der leidgeprüften Kandidaten kaum noch etwas hören wird – oder gar nichts mehr. Da der Umstand, dass die meisten der verflossenen Helden bereits wieder in der Versenkung verschwunden sind, ja nun bekannt ist, vermag es doch zu verwundern, dass es immer noch für all die angebotenen Formate massenhaft Bewerber gibt. Im Zeitalter der Inszenierung ist der Hunger nach nur einem kleinen bißchen Starruhm, und sei er auch noch so bröckelig, unersättlich. Wer will es dem einzelnen kleinen Menschen auch verübeln, vermitteln einem doch die Medien vom Klatschblatt bis zum Fernsehsender, dass der Olymp nicht mehr von Göttern bevölkert wird, sondern von Promis. Wobei sich zumindest hierzulande die Gewinner der Formate, die mit dem Versprechen werben, aus kleinen Leuten Giganten zu machen, schon mit der Rückkehr ins Privatleben anfreunden müssen – oder mit dem Abstieg in andere Formate. So bin ich der Meinung, neulich in einem Sportkanal im Fernsehen einen der Recken aus Bro´Sis als Moderator gesehen zu haben, einer der wenigen „Überlebenden“ des Vorläuferformats „Big Brother“, Onkel Jürgen, moderiert inzwischen beim Unsender Neun live, wo stundenlang beschrien wird, was angeblich nur Sekunden dauert, während unsichtbar für die Zuschauer ein Vermögen an 49-Cent-Anrufen auf dem Meer der Anrufbeantworter eingeht. Seit offiziell ist, wie das Konzept „Casting“ funktioniert, hat nicht nur das Promi-Business enorm viel an Reiz verloren, man glaubt auch nicht mehr so recht daran, dass alle Recken auf Viva und MTV, die zwischen all den Klingeltonreklamen noch Musik machen dürfen, virtuose Garagenbands sind. Fragt man sich, wann als letzte Instanz die Zuschauer die Nase voll haben vom für alle groß in Szene gesetzten Traum, der angeblich Einzelnen zum Starruhm verhelfen soll. Von jungen Menschen, die noch nicht wirklich wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich bereiterklären, sich monatelang immer wieder im schnellen Wechsel tadeln, loben, beschimpfen und wieder schmeicheln zu lassen, um am Ende vielleicht doch so etwas zu hören wie: „Gabi, Du bist äusserst talentiert und hast hart gearbeitet, leider bist Du so eigenständig von Deinem Stil her, dass wir Dich für die Band nicht brauchen können.“ Wie oft noch sollen solche jungen Leute im Fernsehen mit den Tränen kämpfen, bis die breite Masse nicht nur verstanden hat, dass der einzige wirkliche Effekt von Casting-Shows und ähnlichem darin besteht, dass die sich Betreiber des Formats dumm und dämlich verdienen, sondern auch die Finger von der Fernbedienung läßt, damit es endlich heißt: „Also, wir haben hier eine ganz tolle Casting-Show, die Menschen zu Stars machen kann, aber wir müssen die Sendung jetzt leider einstellen, weil sie niemand mehr sehen will.“ Eine ruhige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
14th April 2009
8:27pm: DIE ANALOGIESCHWEMME IN DER WERBUNG
Warum man uns weismachen will, dass Kaffee etwas mit Temperament zu tun hat Wenn man der Werbung Glauben schenkt, stehen unglaublich viele Produkte des täglichen Lebens eigentlich für etwas anderes. Turnschuhe sind ein Symbol für Sportsgeist und Fairness, Kaffee steht für Temperament und Genuß, Waschmittel für familiäre Werte – merken Sie was? Eigentlich versuchen die Firmen uns etwas mit dem Produkt zu verkaufen, das ihnen gar nicht gehört. Wir haben noch nie bemerkt, dass Sportler, die Schuhe einer bestimmten Marke tragen, sich fairer verhalten als andere, wir haben noch nie über jemanden gesprochen, der sehr temperamentvoll ist und dabei erstaunt bemerkt, dass er diesen oder jenen Kaffee bevorzugt, und ganz gewiß kann man eine integere Familie nicht am Waschmittel erkennen. Trotzdem wundern wir uns über den Vergleichszirkus der Werbung schon lange nicht mehr, der uns immer noch weismachen will, man könne coole Typen an dem Produkt erkennen, das sie kaufen. Gewiß gibt es andere Arten, für Produkte zu werben, die noch viel weniger mit dem Produkt zu tun haben. Mittlerweile kann man mit Sex ohnehin für fast alles Reklame machen, und wo es nicht schöne halbnackte Menschen sind, muss eben die digitale Augenwischerei her, die die Seife XY bis zum Horizont schäumen läßt – dann schon lieber an den Haaren herbeigezogene Vergleiche über sich ergehen lassen, könnte man meinen. Aber führt die Analogieschwemme in der Werbung nicht dazu, dass man durch die ständige Berieselung mit dieser Art Botschaft irgendwann tatsächlich unterbewußt davon ausgeht, Glück in Form der zuständigen Produkte kaufen zu müssen? Ich selbst glaube fest daran, dass Kaffee zunächst mal Kaffee ist – und kein karmischer Träger von schwammigen Symbolwerten wie Temperament oder Lebenskunst. Ich bin inzwischen schon froh, wenn die Marken, die unsere Innenstädte mit Werbeplakaten zupflastern, irgendeinen kleinen Gag an ihr Produkt koppeln – und nicht unhaltbare Behauptungen in unser Unterbewußtsein hämmern, die mit dem Ding an sich nicht das Geringste zu tun haben. Zumal die Werbespots, in denen kramphaft auf cool machende Charaktere sich als Markenjunkies outen, wenn man ehrlich ist, eigentlich eher peinlich als glaubhaft wirken. Wenn es tatsächlich eines Tages dazu kommt, dass die Werbung von dieser Strategie abläßt, kann man dann nur hoffen, dass zwischen halbnackten Mädels, Spezialeffekten und coolen Sprüchen noch Substanz zu entdecken ist – und dass die Werbemacher wie Siegmund Freud eines Tages entdecken, dass eine Zigarre manchmal eben auch nur eine Zigarre ist. Eine ruhige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
9th April 2009
1:20pm: ALLES ACHTZIGER
Warum uns vieles so bekannt vorkommt – und wir es trotzdem nicht wiedererkennen Die achtziger Jahre sind nun schon eine ganze Weile her, und doch umgeben sie uns immer noch. Serien, die wir inzwischen auf DVD in der Retro-Box kaufen, liefen zum ersten Mal im Fernsehen, man konnte MTV und Ray Cokes noch in einem Atemzug nennen, und man war zumindest in der Lage zu glauben, dass es für jede Absonderlichkeit einen vernünftigen Grund gab, auch wenn man ihn nicht sah. Wenn man sich mit Freunden verabredete, gab es noch nicht die Möglichkeit, in letzter Sekunde per SMS abzusagen, und das Gefühl, ständig etwas zu verpassen, war noch nicht ganz so stark wie heute. Männer hielten es für modisch, farblich nicht zueinander passende Jackets und T-Shirts zu tragen, und es mag ein Segen sein, dass sich viele modische Eskapaden der Achtziger nicht in die Gegenwart haben retten können. Damals hieß es noch ins Kino gehen, wenn man Filmfreund war, und nicht DVDs sammeln, und so mancher Streifen, der uns damals noch niveaulos vorkam, hat in unserer Erinnerung enorm an Substanz gewonnen, wenn wir ihn mit den optisch geschliffenen Produkten des neuen Jahrtausends vergleichen. Auch wenn es mit Sicherheit falsch ist, man hat den Eindruck, als liefen in den achtziger Jahren die Uhren noch langsamer als heute, und die Zeiten, durch die man ging, erschienen einem weniger hektisch und unübersichtlich. Es gab schließlich auch noch kein Internet, das einen ständig mit Neuigkeiten überschüttet hätte, von vielen Dingen erfuhr man schlicht und ergreifend nicht. Casting-Shows und Boybands waren noch nicht erfunden, und wenn, wurde es noch geheimgehalten, ganz generell wurde Musik von Musikern gemacht – Menschen, die noch ihre eigene Vision verkauften und nicht die von jemand anderem, der bezahlte. Ich bilde mir ein, dass man das an der Authentizität der Musikstücke damals auch gemerkt hat. Vieles, was wir heute als virtuose Neuerscheinung vorgesetzt bekommen, wirkt dann doch oberflächlich und schal, und ist nicht selten im gnadenlosen Mediendschungel schnell wieder von den Bildschirmen verschwunden. Ruhm ist ein Rohstoff geworden, der an zu vielen Stellen abgebaut wird, als dass eine Instanz allein das Monopol darauf haben könnte. Marketing war noch nicht überall, und da, wo es war, hat man es noch nicht als solches erkannt. Wir sind noch nicht an jeder Ecke mit Gewinnspielen, Sammelpunktsystemen und angeblich zum Allgemeinwohl durchgeführten Verbraucherinterviews behelligt worden, die alle letztlich der Erhebung von Kundendaten dienen. Es gab noch keinen Euro, keine in Schrecken versetzte Welt nach dem 11. September, die Welt war erst noch im Begriff, sich mit den Jahren aus ihrer Sorglosigkeit zu wecken. Aus den Popsongs der Achtziger konnte man echte Sehnsucht heraushören, die man nicht hinterfragt hat, weil man noch nicht wußte, wieviel Inszenierung zum Showgeschäft gehört. Sehnsucht nach dem, was hinter dem Horizont ist, Sehnsucht nach einer besseren Zukunft, nach mehr Zusammenhalt und zwischenmenschlicher Wärme. Vieles gäbe es heute nicht in ausgearbeiteter Form, wenn die Achtziger es nicht als Idee formuliert hätten. Die Medien haben in meinen Augen ihre Rolle als Transporteur der menschlichen Sehnsucht vielerorts verloren, haben ihre Rolle gewechselt zugunsten einer nichtendenden Zerstreuung. Als wenn das Leben einfach so vorbeigeht, leicht, bunt und sorglos, solange man nur den Fernseher laufen lässt. Im TV und in der Musik bemerkt man sie vielleicht nicht mehr, aber die Sehnsucht ist noch da, ungebrochen und bereit, geweckt zu werden. In uns. Eine sehnsüchtige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
30th March 2009
11:02am: DAS DRAMA MIT DER PRESSE
Warum Nüchternheit bei Neuigkeiten nicht gefragt ist. „Klimakatastrophe! Erfrieren wir bald alle?“ „Verkehrs-Chaos! Sind unsere Straßen noch sicher?“ Diese und andere Schlagzeilen in den Boulevard-Blättern kennen wir alle und werden wir wohl auch immer kennen. Wenn man Zeitung liest oder Nachrichten konsumiert, und sei es nun im Fernsehen oder im Internet, könnte man sich die Frage stellen, ob unser Leben immer der Cliffhanger-Folge zwischen zwei Staffeln von Lost gleichen muß. Nach dem Eindruck, den man durch die Presse bekommt, könnte das fast sein. Nun ist es naheliegend, dass es im Interesse der Presse liegt, alles so spannend aufzubereiten wie irgend möglich, und die Boulevardzeitschriften mögen auch das deutlichste Beispiel dafür sein, dass Nachrichten, die sich verkaufen sollen, so weit aufgebauscht sein müssen, wie es die angestrebte Seriösität erlaubt. Nehmen wir zum Beispiel mal die herannahende Klimakatastrophe. Die meisten von uns, wenn nicht alle, haben zumindest schon einmal davon gehört. Ich weiß zwar nicht, wie´s Ihnen damit geht, aber ich habe mir, obwohl das Thema ja oft gekommen ist in den letzten Jahren, mir nie merken können, ob wir nun erfrieren oder verdursten werden. Sprich: ob es nun entsetzlich kalt oder entsetzlich warm werden wird. Ist scheinbar auch egal, Hauptsache die Klimakatastrophe kommt. Und die ist ja nun weiß Gott nicht das einzige Übel, mit dem wir uns nach Willen der Medien als aufgeklärte Bürger beschäftigen sollen. Der nachlassende Zusammenhalt in den Familien, das Schmelzen der Polkappen, die zunehmende Gewalt in Schulen, etwas findet sich immer, über das man sich Gedanken machen müßte. Das Nachdenken an sich ist ja nicht schlecht und hat sicherlich auch die Presse erkennen lassen, dass nicht genug Zeitungen verkauft werden, wenn die Schlagzeile lautet: „HEUTE MAL WIEDER NICHTS LOS.“ Man will ja schließlich mitreden können. Ich persönlich entziehe mich den vielen kleinen und großen Katastrophen der Nachrichten immer ganz gerne mal für eine Woche, um danach wieder erfrischt Informationen lauschen zu können, die mich immer wieder an der Welt zweifeln lassen. Ich bewundere diejenigen, die das alles ohne abzustumpfen in vollem Ausmaß über sich ergehen lassen. Es ist nur eine Spinnerei, aber ich würde eines Tages gerne die Zeitung aufschlagen und als oberste Schlagzeile in allen Blättern des Landes die gleiche Schlagzeile lesen: „WELT GERETTET! AB HEUTE KEINE PROBLEME MEHR!“ Eine undramatische Zeit wünscht Ihnen Sunshader
24th March 2009
8:33am: DIE VERLORENE DIMENSION
Ein Blick auf die Phänomene des DVD-Zeitalters Jetzt ist es angebrochen, das glorreiche Zeitalter der digitalen Unterhaltung. Alles, was wir je gesehen haben und sehen wollten, es ist entweder bereits auf digitaler Silberscheibe zu haben oder wird es bald sein. Bessere Bildqualität, kein Qualitätsverlust beim Abspielen, besserer Sound, Making Ofs und zuschaltbare Extras wie Audiokommentare des Regisseurs locken den interessierten Filmfan zum Kauf. Nun gibt es Filme ja schon lange zu kaufen, wenn auch bisher auf VHS-Kassette. Man könnte sich fragen, was sich überhaupt groß geändert hat. Auf jeden Fall haben viel mehr Leute als früher eine kleine bis große Filmsammlung zu Hause. Gut, die Verpackungen nehmen weniger Platz weg als früher. Aber ich glaube auch, dass die Verlockung, einen Film, den man kennt, auf DVD zu besitzen, viel größer ist als noch zu Kassettenzeiten. Vor allem habe ich den Eindruck, dass man inzwischen Filme in die Sammlung mit aufgenommen hat, die eher den Massengeschmack als den eigenen Geschmack treffen. Es ist eben verdammt cool, zu einem aktuellen Film die hoffentlich gut ausgestattete DVD-Fassung zu haben. Auch wenn Action-Szenen häufig für meinen Geschmack zu laut und Dialoge dann wieder zu leise ausgesteuert sind. Aber es ist da, das Phänomen DVD. Man ist bei der DVD immer wieder bereit zu glauben, dass der nächste Film noch aufwendiger, noch besser in Szene gesetzt ist, noch mehr Sinne anspricht. Aber letzten Endes bleibt man mit dieser Erwartungshaltung doch eher allein. Obwohl die Trailer zu den Filmen ja inzwischen so gut sind, dass sehr viele Filme interessant erscheinen. Im Nachhinein jedoch erweist es sich häufig als wahr, dass der komplette Film dem knackigen Trailer nicht mehr sehr viel hinzuzufügen hatte. Man kann heutzutage immer häufiger kaum sagen, ob man den Film mögen wird, weil fast alle Trailer großartig inszeniert sind. So langsam haben sich die Leute an ihr neues Liebslingsmedium gewöhnt. Man weiß inzwischen, dass man nicht jede Edition kaufen muß, weil sowieso alles sehr schnell billiger wird und bekannte Formate immer wieder aufs Neue herauskommen, von manchen Filmen gibt es fünf Versionen und mehr. Aber kaum hat man es sich mit seiner neuen Heimvideothek gemütlich gemacht, sprechen die Macher schon wieder von der nächsten Generation, dem nächsten virtuellen Quantensprung, da ist von HDTV-Fernsehen die Rede, Blu-Ray Disc-Laufwerken und digitaler Vernetzung, während man sich noch überlegt, wo man die ganzen DVDs hinstapeln will, wenn die nächste digitale Revolution unsere Wohnzimmer erobert. Solange allerdings können wir uns noch an unseren Special-Edition-DVDs laben, die uns in vierzig Jahren wahrscheinlich karg vorkommen, weil man sich dann in Filme direkt per Gehirnverbindung einklinken kann. Mittendrin statt nur dabei... Eine ruhige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
16th March 2009
12:34am: ENTSPANNEN SIE SICH... WENN SIE KÖNNEN.
Warum es schwierig ist, relaxed zu sein, wenn die Welt eine Schraube locker hat. Wir sind unseren steinzeitlichen Vorgängern genetisch immer noch viel näher, als unser technisiertes Leben in den Großstädten vermuten lässt, das hat die Wissenschaft schon herausgefunden. Der Mensch müsse sich in gewisser Hinsicht seinen Namen erst noch verdienen, das Animalische im Menschen werde noch unterschätzt. Wenn Sie jetzt immer noch nicht glauben, dass Gorillas Auto fahren können, stellen Sie sich doch, wenn Sie das nächste Mal am Steuer sitzen, alle Fenster der anderen Wagen als verspiegelt vor und achten Sie nur auf das Fahrverhalten. Ich glaube, nicht nur Taxifahrer können ein Lied davon singen, dass auf Autobahnen in punkto Verkehr oft ein Affenzirkus am Werke ist. Wie oft haben Sie den Impuls verspürt, jemandem öffentlich an die Gurgel zu gehen, der Ihnen zum Beispiel an der Supermarktkasse, weil er scheinbar meint, dass es dann schneller geht, seinen Einkaufswagen in die Waden donnert? Und haben aber trotzdem nur mehr oder weniger beherrscht gesagt: „Können Sie vielleicht etwas aufpassen?“ Der Mensch hat angeblich dem Tier etwas voraus, er hat seinen Verstand, der ihm (hoffentlich) die Möglichkeit gibt, Probleme zu analysieren, ihre Gründe zu verstehen und zu entspannen. Es ist allerdings schwierig, zu entspannen, wenn man über all die Unglücke, die in den letzten Jahren in den Nachrichten gelaufen sind, schon längst die Übersicht verloren hat, weil die Tausende und Abertausende von Toten aus ebenso vielen Katastrophen sich im eigenen Kopf gefühlsmäßig längst zu einem Berg angehäuft haben, der die Sechs-Milliarden-Grenze bald erreicht haben müßte, so als wären alle Menschen schon gestorben, die man noch nicht kennengelernt hat. Es ist schwierig zu entspannen, wenn das einzige, was einem einfällt, wenn man an Politik denkt, „Steuererhöhung“ und damit „Preiserhöhung“ ist. Man kann nicht mehr dadurch abschalten, dass man VIVA oder MTV sieht, weil man vor lauter Klingeltonreklamen, halbnackten Menschen, Gewinnspielen und Reality-TV die Musik mit der Lupe suchen muß. Es ist schwer, locker zu sein, wenn man monatlich aufs Neue suggeriert bekommt, dass die weltweite Gefahr durch den Terror jede Maßnahme rechtfertigt, und wenn man dabei aus Versehen auf das ein oder andere Grundrecht latscht, ist das halt Pech. Es ist schlicht gesagt schwierig, locker zu sein, wenn die Welt eine Schraube locker hat. Vielleicht war das schon immer so, und man hat einfach nur den Fehler gemacht, zuviele merkwürdige Dinge im Fernsehen zu zeigen. Vielleicht braucht es einfach seine Zeit, bis alle neuen Dinge unserer Zeit ihren Platz eingenommen haben, bis wir uns an Internet und Handys tatsächlich und nicht nur zum Schein gewöhnt haben und uns auffällt, dass Politiker eher an ihrem Image als an den Problemen im Land arbeiten, bis es für Amerika lukrativer ist, beliebt zu sein, als Krieg zu führen, und vielleicht geht Angela Merkel auch noch mal zu einem guten Friseur. Vielleicht kriegt man im Kino vor lauter Explosionen auch noch mal eine Geschichte zu sehen, und möglicherweise können Bill Gates und der Apple-Gründer Steve Jobs echt noch gute Kumpels werden, wenn sie mal zusammen im Aufzug stecken bleiben. Ich gebe zu, ein paar der hier beschriebenen Dinge sind extrem unwahrscheinlich. Aber bis eine akzeptable Form von Normalität uns oder unsere Welt erreicht, können wir alle wahrscheinlich nur eines versuchen: Möglichst locker zu bleiben. Eine ruhige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
10th March 2009
11:19am: SCHILDER FÜR TROTTEL
Warum alle darunter leiden müssen, dass viele zu doof sind. BETRETEN VERBOTEN, STOP, EINFAHRT FEIHALTEN, solche Schilder kennen wir alle und werden wir wohl auch immer kennen, weil sich manche Menschen erst dann vernünftig verhalten, wenn man sie mit Regeln dazu zwingt. Trotzdem erscheint mir auffällig, auf wieviele Bereiche des täglichen Lebens der Schilderwahn sich bereits ausgebreitet hat. In der Straßenbahn mahnt ein Schild an der Fahrerkabine, man möge während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen, die Deutsche Bank sieht sich gezwungen, per Schild an der Zettelbox ihre Kunden anzuhalten, doch bitte keinen Müll in den Kasten zu werfen, der für Überweisungen gedacht ist, ich habe sogar schon mal ein Schild am Hauptbahnhof ZWISCHEN zwei Gleisen gesehen, man möge dort doch bitte nicht aussteigen – es ist zum Verzweifeln. Man glaubt eigentlich gar nicht, wie grotesk dumm ein Mensch sein muß, der es schafft, alle auf Schildern beschriebenen Verhaltensweisen ohne Schilder instinktiv falsch zu machen. Denn man ahnt ja irgendwie, dass der Grund für solche Maßnahmen der ist, dass schon Leute von Straßenbahnen angefahren wurden, weil IN der Bahn jemand während der Fahrt den Fahrer angequatscht hat – aua. Wenn besagter Zettelkasten in der Bank nicht bereits als Mülleimer mißbraucht worden wäre, hätte man wohl kein Schildchen dort anbringen müssen, und wenn nicht schon so mancher hehre Reisende sich zwischen den Gleisen wohler gefühlt hätte ALS AUF DEM BAHNSTEIG, dann hätte die um effektives Wirtschaften sicherlich bemühte Deutsche Bahn wohl nicht um die Einhaltung des Offensichtlichen bitten müssen. Aber nehmen wir die Menschen an dieser Stelle auch mal in Schutz. Gerade WEIL alles so kompliziert geworden ist und die schiere Anzahl der verschiedenen Vorgänge die meisten hier und da überfordert, werden ja Schilder aufgestellt. Das kann vielem abhelfen, es kann aber auch die Verwirrung noch vergrößern, wenn man aber vor lauter Schildern nicht die Information findet, die einen betrifft. Und so kann man sich wieder fragen, ob es überhaupt einen Ausweg aus dem Dilemma gibt. Ein weltweiter, nicht mehr aufzuhaltender Trend zu selbstständigem Denken, der dafür sorgen könnte, dass Schilder an den meisten Stellen überflüssig werden, ist aus meiner Sicht noch nicht festzustellen. Da bleibt nur zu hoffen, dass die Stadt Köln, die vor ein paar Jahren an der Universität durch Plakate mit der Aufschrift „Plakate ankleben verboten“ auf sich aufmerksam machte, in dieser Hinsicht nicht zum Trendsetter geworden ist und man beim Stichwort „Rauchfreie Uni Köln“ an etwas anderes denkt als an die übervollen Aschenbecher, die direkt unter dem Schild aufgestellt sind. In diesem Sinne verbleibe ich mit den abschließenden Worten: VORSICHT! BITTE LESEN SIE NICHT DIESEN ARTIKEL! Eine ruhige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
6th March 2009
5:33pm: MODERNE ZEITEN
Warum die Menschen noch nicht so modern sind wie die Zeit, in der sie leben. Handy, Internet, SMS, Flatscreenfernseher, Digitalkameras – man könnte meinen, wir sind in der Zukunft längst angekommen. Der normale Großstadtbürger hat ja inzwischen mehr Hightech-Equipment bei sich als James Bond in den Siebzigern. Leider ist der Look und das Image von diesen Geräten so cool, dass sich scheinbar fast niemand fragt, ob er diesen ganzen Haufen Technik für sein Leben überhaupt braucht. Viele Geräte haben inzwischen so viele verschiedene Funktionen, dass fast automatisch etwas dabei ist, das man selber eigentlich nicht benötigt. Wie soll man sich da noch wundern, dass die meisten Menschen ihre ganzen Geräte nur unzureichend bedienen können? Sicher, die Technik soll unser Leben vereinfachen. Wenn man sich auf die Dinge konzentriert, die man braucht, tut sie das sicherlich auch. Aber Hand aufs Herz: wie oft nutzt jemand, den wir kennen, das neue Everyday-Tool Handy vor allem dazu, um kurzfristig abzusagen - schlimmstensfalls per Knopfdruck und SMS? Ich muß immer wieder mal Freunden Telefonnummern häufiger mitteilen, weil ihnen gerade ihr modernes Mobiltelefon abgestürzt ist und sie irgendwie aufgehört haben, ein Telefonbuch aus Papier zu führen – das Handy speichert die Nummern ja auch. Ich kann oft nicht umhin zu denken, dass die ganze Technik, die mittlerweile dazugehört, uns eher Hektik als Ruhe schenkt. Jedes einzelne dieser Geräte muß man ja auch erst einmal bedienen lernen. Das wird aber deshalb zunehmend schwerer, weil ja immer mehr Geräte, die man laut allen Zeitschriften unbedingt haben muß, immer schneller durch neue Modelle ersetzt werden. Die Paradoxie, die mit den Internetcafés ihren harmlosen Anfang nahm, dass man nämlich mit jemandem in Australien chattet und nicht mit dem Menschen am Nebentisch redet, hat ihren klammheimlichen Einzug ins tägliche Leben längst abgeschlossen – wie oft sitzt man mit jemandem im Restaurant am Tisch, der für zwei Minuten nicht ansprechbar ist, weil er nebenher noch schnell eine SMS an jemanden schreibt? Es ist ja nun nicht so, dass inzwischen alle nebenher noch an der Börse spekulieren würden. Vor allem inzwischen nicht. Das alles hat natürlich auch positive Effekte. Es gibt seit der Einführung des Internet in Skandinavien weniger Alkoholismus, weil dort inzwischen mehr gechattet und im Netz gesurft wird, statt zur Flasche zu greifen, und manche einfacher gestrickte Menschen fangen vielleicht auch erst an, über zwischenmenschliche Kommunikation nachzudenken, wenn sie die eine oder andere komische SMS bekommen haben. Auch wenn diejenigen recht haben, die sagen, dass dies der natürliche Gang der Dinge und des Fortschritts ist, erscheint es mir doch angemessen zu hinterfragen, ob wir diesen Überfluß an digitaler Technik überhaupt brauchen - bevor wir eines Tages feststellen, dass wir vor lauter elektronischen Botschaften und Entertainment die Zeit zum Spazierengehen nicht mehr haben. Eine ruhige Zeit wünscht Ihnen Sunshader
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